19.04.2012 - Ich hab noch Sand im Getriebe von der Ostsee...
Berlin, 15.4.2012: Ein scheinbar ganz normaler Sonntag. Zwar kein Besuch im Haus, dafür leichte Beschäftigung mit Papierkram. Zum Brotholen geht's mit dem Fahrrad zum Flughafen Tegel. Es gibt noch weitere Verkaufsstellen, aber der Flughafen wird bald geschlossen und so bietet er sich als Fahrziel an. Auf dem Rückweg noch ne kleine Runde durchs Grüne und da schon mal die Sonne scheint, drängt sich die ob ihrer Geschmacksqualitäten geschätzte Eisdiele geradezu auf. Doch auf dem Weg dorthin passiert das lange Befürchtete: die Nabenschaltung verweigert den Dienst. Rutscht im Lieblingsgang nur noch durch - das Ritzel dreht sich, das Rad nicht.
Schöne Bescherung. Eisdiele fällt aus, es geht in Schleichfahrt zurück zur Wohnung.
Und am nächsten Tag zum Radladen des Vertrauens. Diagnose: Reparatur möglich, aber nicht sinnvoll - "Die hat's hinter sich." Also wird ein neues Hinterrad bestellt, denn die Felge hat auch schon bessere Tage gesehen. Warten auf Ersatzteile - Nabenschaltungen kauft man offenbar meistens mit angebautem Fahrrad. Am Mittwoch noch keine Lieferung, dafür ein Blick ins Innere des Getriebes: lädierter Staubdeckel, trockene, ausgeschlagene Lager, allerlei Gammel und Riefen am Planetenträger - und feiner Sand. "Wie der da reinkommt...?" stutzt der Schrauber. Kann ich mir ganz gut vorstellen. Bei der OstSeeTour 2010 hatte ich tagelang die Befürchtung, daß die Schaltung den Abend nicht mehr erlebt. Geräusche wie in einer Kaffeemühle begleiteten mich. Die Korngröße des Sandes erinnert schwer an Prerow. Die Nabe hat aber durchgehalten und sich sogar wieder erholt, denn die Geräusche wurden nach kurzer Behandlung weniger. Und für ausgewählte Wege in den Alpen bei Garmisch-Partenkirchen hat es auch noch gereicht. Hier im Flachland ist dann aber schließlich an der Steigung vor einer Brücke Ende im Gelände. Nach 16 Jahren und 20.500km kommt das allerdings nicht ganz unerwartet. Erstaunlich, wie gefangen man sich im Auto fühlen kann, wenn es auf dem sonst per Rad zurück gelegten Weg zum Sprachkurs geht und es auf den Straßen von Fahrrädern wimmelt.
Nach 72 entbehrungsreichen Stunden verläßt das gute Stück die Werkstatt und wird zur Feier des Tages mit brettharten Reifen (Leichtlauf geht vor Fahrkomfort) und kurzen Hosen (Frühling!) in die besagte Eisdiele ausgeführt. Die Anzahl der Originalbauteile hat sich etwas reduziert, aber mein Lieblingsfahrzeug läuft wieder rund und ist wieder für alle anstehenden Fahrten und Aufgaben gerüstet.
Es ist mal wieder dringend Zeit für neue Musik im Auto. Die paar CDs, die seit langem laufen, kenne ich ja schon in- und auswendig und Radio ist ja auch nur ne Viertelstunde lang zu ertragen. Eigentlich sollte auch schon längst ein Anschluß für den Musik-Hamster im Autoradio eingebaut sein... Dank der momentanen Gemütslage fällt die Scheibe jedenfalls deutlich geschmeidiger aus als es bspw. im März der Fall gewesen wäre. Und wie so oft steckt hinter jedem Lied eine kurze Begebenheit und/oder eine passende Textzeile.
Pfingsten stand vor der Tür und vor kurzem war mir der Reiseführer der Mecklenburgischen Seenplatte, dem ich anno 2009 Usedom und Kap Arkona vorgezogen hatte, wieder in die Hände gefallen. Die Wettervorhersage sah auch gut aus – warum also nicht mal übers lange Wochenende aus der Stadt verduften? Am Freitag nachmittag noch schnell eine Unterkunft gebucht, am Samstag dann Badehose, Fahrrad und Zahnbürste ins Auto geladen und los gings nach Norden. Gleich nach der Mecklenburger Landesgrenze runter von der Autobahn und schon fand ich mich im Dreiklang aus Backsteinkirchen, Fischbrötchen und Binnenseen wieder - herrlich! Vorbei an Getreidefeldern führte der Weg nach Waren an der Müritz, dem Basislager dieser recht kurzen Reise.
Hauptreisetag war der Sonntag, denn es stand die Radrunde um den größten innerdeutschen See an. Anfangs sehr viel Wald im Nationalpark am Ostufer und zu meinem Bedauern trotz mehrerer Aussichtstürme keine Adler in Sichtweite; dazu braucht es offenbar mehr Geduld, als ein von sich selbst gehetzter Radfahrer aufbringen kann. In Rechlin befand sich rechtzeitig zur Mittagrast ein technisches Museum. Nach einem kurzen, aber kräftigen Regenschauer am Spätnachmittag zog der Himmel wieder auf und die Badehose kam doch noch zum Einsatz. Natürlich gab es auch wieder reichlich Fisch auf den Teller und ins Brötchen, denn frisch geräucherte Maräne, Räuchersaibling und Wels sind sonst ja eher selten zu finden.
Am Montag folgte dann nur noch lockeres Austrudeln durch Waren und die nähere Umgebung; anschließend eine entspannte Rückfahrt nach Berlin.
Im Logbuch der OST10 lagen noch vier Briefmarken und so konnte ich – traditionell am letzten Abend – Karten an die üblichen Adressaten schreiben. Urlaubspostkarten finde ich ja immer noch zeitgemäß, denn sie sind deutlich wirkungsvoller und „beweiskräftiger“ als eine Email oder SMS und lassen sich auch viel besser an der Kühlschranktür befestigen. Deshalb empfange und verschicke ich sehr gerne scheinbar altmodische Nachrichten aus aller Herren Länder. Also, liebe Freunde der althergebrachten Postkarte, wenn Ihr eine Nachricht von der nächsten Reise haben möchtet, laßt mir Eure Adressen zukommen und Ihr landet auf der Empfängerliste, die gleich nach Fotoapparat und Taschenmesser ins Reisegepäck gehört. Wohin die nächste Reise geht? Wird sich zeigen! Hier ein Blick ins Bücherregal – und dabei gibt’s noch nicht mal für jede Reiseidee eine Planung auf Papier…
Irgendwie gehts hier ja immer um radfahren, Musik, verreisen oder eine Kombination davon. Und so viel vorweg: heute ebenfalls – wenn auch nur indirekt. Ich könnte ja beispielsweise auch etwas über das Wesen sowie die Vor- und Nachteile der kontinentenübergreifenden Arbeit bei der Entwicklung von Hochspannungsschaltgeräten schreiben, aber das ist für die breite Allgemeinheit vermutlich weit weniger interessant…
Zur Sache:
Am Sonntag abend lehnte meine Rad an einem Parkbügel vorm Postbahnhof, während ich die Schlange am Einlaß beobachtete und überlegte, was ich mit dem Rest des Abends anfange. Da fragte mich jemand, ob ich noch eine Karte brauche. Nicht ganz zufällig spielte eine Band, die bei der Fête de la musique im letzten Jahr für gute Laune sorgte, daher war meine Antwort „Vielleicht…“. Einig wurden wir uns aber nicht, da sich die Preisvorstellungen doch deutlich unterschieden. Klar, das Konzert war das letzte dieser Tour und ausverkauft, aber es war ja nicht so, daß sagen wir mal die Ärzte unter einem Decknamen auf Clubtour waren. Ich wollte einfach noch mal das Titellied zur OstSeeTour 2010 hören.
Die Zeit schritt voran, die Schlange am Einlaß wurde kürzer und meine Vermutung schien sich zu bestätigen: niemand wollte die Karten zum deutlich überhöhten Preis kaufen, da half auch wiederholtes Ansprechen nicht. Eigentlich wollte ich eine halbe Stunde vor Konzertbeginn das Feld räumen, aber die Szenerie ließ mich nicht los, mein Ehrgeiz war geweckt: „Karten zum ursprünglichen Preis“ war das Ziel.
Schließlich war die Schlange am Einlaß verschwunden, die Abendsonne ebenfalls. Ein Flaschensammler zog seine Kreise. Die Ticketanbieter, die die Karten gut eine Stunde vorher zum Freundschaftspreis von anderen Fans gekauft hatten, wurden sichtlich nervös. Ein kleiner Taschenspielertrick brachte dann den Erfolg: Als die Vorband loslegte, stand ich mit einem kühlen Getränk im Publikum und lauschte gespannt.
Und die Moral von der Geschicht’:
Angebot und Nachfrage bestimmen den Preis - im Großen wie im Kleinen. Marktbeobachtung lohnt sich also.
Man muß das System nicht mögen, aber etwas Regelkenntnis schadet nicht.
Zugabe (wie bei jedem gelungenen Konzert), Auflösung des Rätsels um die Band und überaus passend zum aktuellen Wetter (aber nicht besagtes Titellied):
Wie an jedem Berliner Sonntag steht heute der übliche Sonntagsdreikampf an: Radfahren, schwimmen, Brot kaufen. Entstanden ist die diese bisher nichtolympische Sportart aus dem Wunsch nach frischen belegten Backwaren („Bemme“ bzw. „Stulle“) zum Beginn der Arbeitswoche, einem guten Vorsatz fürs Jahr 2011 und meiner Vorliebe fürs Radfahren. Interessanterweise befindet sich der nächste sonntagsoffene Brotlieferant am 15 Radminuten entfernten Flughafen. Ein halbes Mischbrot oder lieber den Flug nach Dnipropetrovsk? Ganz ähnlich am Hauptbahnhof: Landbrot oder doch im ICE nach Interlaken Ost? Hach, der Duft der weiten Welt… Doch vorher ruft die Pflicht, denn das DSA gibt’s nicht geschenkt!